Zur Geschichte von Stahmeln

Das Dorf Stahmeln ist vermutlich zwischen 600 und 800 unserer Zeitrechnung entstanden. Während dieser Zeit begannen die von Osten kommenden Sorben, sich an den Flußniederungen von Elster und Luppe anzusiedeln und verdrängten die germanischen Hermunduren nach Westen. Von den Hermunduren ist nur der Name "Alstrawa", das eilende Wasser, für Elster überliefert. An den Flußniederungen gründeten die Sorben ihre Siedlungen, denn dort gab es reiche Fischgründe und damit genügend Nahrung für die Neuankömmlinge. So könnte Stahmeln eine sorbische Siedlung gewesen sein und von dem slawischen Wort "Stahmil", der Ort des Schaffensfrohen, kommen.

Als Ort ist Stahmeln seit dem Jahre 1120 bekannt. Die Geschichte von Stahmeln war immer eng mit dem Nachbarort Wahren verbunden, vor allem im 16. Jahrhundert, als die Ritter von Blanck das Wahrener Rittergut besaßen. Der letzte Rittergutsbesitzer war Georg von Blanck. Seine Witwe, Magdalena von Blanck, verkaufte 1592 das Wahrener Gut gemeinsam mit Stahmeln an den Leipziger Rat. Stahmeln besaß keine eigene Kirche, denn auch das kirchliche Leben wurde von Wahren bestimmt.

Um 1829 wohnten in Stahmeln etwa 110 Einwohner in 27 Häusern. Eine eigene Schule konnte man sich nicht leisten. Erst am 30. Juni 1898 wurde Stahmeln selbständiger Schulbezirk und bekam eine eigene Schule. Durch seine Lage an der Halleschen Straße hatte Stahmeln genau wie die Nachbarorte besonders zu Kriegszeiten hart unter Plünderungen durchziehender Truppen zu leiden. Zur Leipziger Völkerschlacht, im Oktober 1813, wurde der Ort von den Verbündeten total verwüstet. Der Bauernsteg, eine bewegliche Brücke hinter der Mühle, lag im Wasser und wurde erst Tage später wieder eingehängt. Diese Brücke war damals die einzige Möglichkeit für die Bauern, bei Gefahr unentdeckt in die Auenwälder zu entkommen. Nach dem Bau der neuen Elsterbrücke im Jahre 1850 verlor der Bauernsteg seine Bedeutung und wurde abgerissen.

Der Napoleonstein in Stahmeln
Gedenkstein an die Völkerschlacht
Foto: Christa Werther

An die Völkerschlacht erinnert noch ein Gedenkstein an der Hauptstraße, der alten Dorfstraße in Stahmeln. An ihr lagen die Gasthöfe "Zur Post" und "Zur Linde". Eine Linde war auch das Wahrzeichen von Stahmeln. Sie stand am Dorfanger und verdeckte als ausgewachsener Baum den Hausbewohnern des dahinterliegenden Grundstückes die Sicht. 18 Jahre dauerte der Rechtsstreit, bis der Baum im Jahre 1909 doch gefällt wurde. Jetzt steht ein Nußbaum an dieser Stelle. Stahmeln entwickelte sich immer mehr zu der 1815 als Staatsstraße ausgebauten Halleschen Straße hin. Auch setzte die Industrialisierung ein. 1885 ließ Franz Lucke anstelle der alten Wassermühle eine elektrisch betriebene moderne Mühle bauen. Sie wurde 2010 stillgelegt und prägt mit dem 35 Meter hohen Silo das Ortsbild von Stahmeln.

Mühlenwerke Stahmeln GmbH
Die Stahmelner Mühle
Foto: WIKIPEDIA

Eine Senf- und Essigfabrik, eine Wollfabrik und eine Maltuchfabrik siedelten sich ebenfalls an. Im Norden entstand an der Eisenbahnstrecke Halle-Leipzig ein Rangierbahnhof, viele Bahnangestellte zogen nach Stahmeln. Stahmelner Bürger arbeiteten in den neu entstandenen Industriebetrieben wie den Pittler-Werken oder der Mitteldeutschen Seifenfabrik im benachbarten Wahren. Die Landwirtschaft ging zurück. Von den fünf ehemaligen Bauerngütern wurde nach dem zweiten Weltkrieg nur noch das Rauersche Erbgut bewirtschaftet. Aber die Stahmelner wollten nicht ganz auf ihre Beziehung zur Natur verzichten. Die zahlreich abgebauten Sandgruben in der Umgebung erfüllten einen guten Zweck als Gartenanlagen. Durch den Bau der Auenblicksiedlung dehnte sich Stahmeln nach 1936 auch nördlich der Halleschen Straße aus. Die anfangs gewachsene Bevölkerungszahl ging allerdings nach dem Krieg durch Abwanderung wieder zurück.

Heute ist Stahmeln als Ortsteil von Lützschena-Stahmeln durch seine gute verkehrstechnische Anbindung ein optimaler Gewerbestandort. Und für die Zukunft hat es gute Chancen, gemeinsam mit dem Ortsteil Lützschena auch ein beliebter Wohnstandort zu werden.

Der Anger
ZUM GOLDENEN HAKSCH

Die Stahmelner Mühle

VOM SORBENDORF STAHMIL ZUM STADTTEIL STAHMELN VON LEIPZIG (Auen-Kurier November 2006)
Im Jahre 1920 erschien auf dem Büchermarkt das Buch des Wahrener Lehrers Max Kohlmann: „Wahren – aus der Geschichte eines Dorfes“.
Dieses interessante Buch ist auch für Stahmeln von Bedeutung, war doch dieser Ort stets mit Wahren eng verbunden (Kirche, Friedhof, Schule, Gerichtsbarkeit, Rittergut). Im Nachstehenden sei einiges wiedergegeben.
Aus der vorgeschichtlichen Zeit erfahren wir, dass durch Funde der Beweis erbracht wurde, dass es in unserer Gegend Mammute, Bären, Riesenhirsche Wildpferde und anderes Wild gegeben hat. Zu den Funden hat auch die Entstehung des Auensees beigetragen. Bei den Baggerarbeiten zur Beschaffung von Kies für den Bau des Leipziger Hauptbahnhofes wurden Skelettreste eines Mammuts gefunden. Weitere Funde lassen darauf schließen, dass bereits vor 4000 Jahren Menschen in unserer Gegend gelebt haben müssen. Funde hierüber sind im Leipziger Grassimuseum aufbewahrt.
Gehen wir in der Geschichte weiter.
Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung haben die Hermunduren (ein Germanenstamm) in unserer Gegend gelebt, die aber später wieder abwanderten. Wann das geschah konnte nicht festgestellt werden. Sie gaben den Flüssen Elster (Alstrawa = die Eilende) und Luppe (Lupaha = die Rauschende) ihren Namen. In den leergewordenen Raum zogen vermutlich im 6. Jahrhundert von Osten nach Westen, bis zur Saale, die Slawen (westslawisch auch Sorben genannt) ein. Hier konnten sie an den Flüssen Elster, Luppe, Nahle und an den Sümpfen, dem Fischfang nachgehen; die Wälder im Süden und auch damals noch im Norden boten reiche Beute an Wild. Außerdem fanden sie in der Nähe der Flüsse den Boden vor, den sie mit ihren einfachen Geräten bestellen konnten. Andererseits bot ihnen das Gewirr von Sümpfen und Dickicht in Zeiten kriegerischen Auseinandersetzungen eine vielfach uneinnehmbare Zufluchtstätte. Die Ortsnamen „Leutzsch und Lützschena“ klären uns über die Gegend zur Zeit der slawischen Einwanderung auf. Sie bedeuten „nasse, bruchige Stelle, Sumpfland, Morast“
(slaw. Lucina). Lützschena könnte den Namen allerdings auch seiner schönen Lage verdanken, und wer wollte diese bestreiten (slaw. „lute = Lage, luka = Wiese, shene = schön“)! Aber Stahmeln hat seinen Ortsnamen nicht von der Natur des Landes. Stahmeln wird gedeutet als „Ort des Stahmil“, des Schaffensfrohen, also des Fleißigen. (Weitere Deutungen im Nachhinein.)

Zunächst noch ein kurzer Überblick über die geschichtlichen Ereignisse nach der Ansiedlung des Sorben in unserer Gegend.
Karl der Große, der König der Franken (768 – 814), im Jahre 800 zum Kaiser gekrönt, machte die Sorben tributpflichtig, und es kommt auf Grund der Lage zur nahen Grenze des Frankenreiches zu Kämpfen. Im zehnten Jahrhundert setzt die Christianisierung ein. Die Sorben, ein Heidenvolk, setzen dem Widerstand entgegen.
Seit etwa 960 erfolgt unter Otto dem Großen (dt. König, 936 – 973, seit 962 dt. Kaiser) die Festigung der Herrschaft im Osten und die Gründung des Bistums Merseburg, zu dem Stahmeln nunmehr gehört. Thüringer, Sachsen und Niederländer siedeln sich an und vermischen sich mit der sorbischen Bevölkerung. Ein Teil der Sorben wandert wieder in Richtung Osten ab.

Die Kirche spielte in der Vergangenheit neben der weltlichen Herrschaft ebenfalls eine große Rolle. Kirchenbesuch war Pflicht, Gotteslästerung wurde schwer bestraft. Simon Köhler aus Stahmeln wurde 1594, weil er bei dem Brande eines Gutes geflucht hatte, damit bestraft, dass er am Sonntag, den 24. Juni 1594, ans Halseisen vor der Kirche in Wahren angeschlagen wurde und dort solange stehen musste, wie die Frühpredigt gedauert hat.

Die Einführung der Ergebnisse der Reformation erfolgte im Jahre 1548. Aus den Kirchenbüchern kann man vieles erfahren. Was die Kirche betraf und sonstige wichtige Ereignisse haben Pfarrer in ihren Aufzeichnungen festgehalten. (Vergl. „Aus dem Tagebuch des Pfarrers Reichel zu Lützschena“.)

Stahmeln hatte infolge seiner Lage in Kriegszeiten (Dreißigjähriger Krieg, Völkerschlacht bei Leipzig) durch Plünderungen und Brände immer schwer zu leiden.

Doch kommen wir gleich wieder zu etwas Erfreulicherem.

1818 wird die Staatsstraße gebaut. Als Fernverkehrsstraße verbindet sie die Städte Cuxhaven und Breslau auf einer Länge von 860 km. Nach der Wende wurde daraus die B6, zudem entstand die neue B6 als Teilstück zwischen Schkeuditz und Pittlerstraße. Ein weiterer Streckenausbau wird erfolgen.

1839 / 40 wird die Eisenbahnstrecke Leipzig – Halle – Magdeburg gebaut.

1896 wird in Leipzig der elektrische Straßenbahnbetrieb eröffnet. Zur Erschließung des Umlandes wurde im Jahre 1900 die „Leipziger Außenbahn AG gegründet. Diese betrieb u.a. auch die Strecke nach Schkeuditz. Zunächst war aber in Lützschena Endstation: die Strecke wurde erst später bis Schkeuditz verlängert. Am ehemaligen Schkeuditzer Straßenbahnhof ist heute noch die Jahreszahl 1909 zu erkennen.

1899 beschließt der Königlich-preußische Eisenbahnfiskus, im Norden von Stahmeln und Wahren einen Rangierbahnhof anzulegen, um den Thüringer und Magdeburger Bahnhof von Leipzig zu entlasten. Er sollte der größte Güterbahnhof Europas werden und damit dem in Hamm / Westf. Den Rang ablaufen. Der 2. Weltkrieg verhinderte dieses Vorhaben, nach der Wende wurde ein Teilstück für den kombinierten Ladungsverkehr (KLV) ausgebaut.

In den ersten Jahrzehnten des 20.Jahrhunderts gab es neben der Mühle, dem Rauerschen Gut und zwei weiteren landwirtschaftlichen Anwesen an Gewerbetreibenden in Stahmeln: Eine Viehhandlung, vier Gärtnereien, eine Essig- und Senffabrik, eine Feinseifen- und Parfümeriefabrik, eine Putzwollfabrik, ein Fuhrgeschäft, drei Bäcker, zwei Fleischer, fünf Gaststätten, vier Lebensmittelhandlungen, einen Schmied, zwei Schuhmacher, eine Schneiderei, zwei Blumengeschäfte, einen Tapezierer (mit Gardinenspannerei), ein Kurzwaren- und Wollgeschäft sowie eine Wäscherei.

1933 / 34 wird die Elster zwischen Stahmeln und Lützschena reguliert. Am 25. April 1934 beginnen die Bauarbeiten am Projekt der Luppe – Regulierung. Auf einer Länge von 10 km bekommt sie ein neues Flussbett, das mit einem breiten Vorflutbett versehen wird. Zur Durchführung der Regulierungsarbeiten wird der Reichsarbeitsdienst eingesetzt. Die Nähe zur Stadt hat in den dreißiger Jahren zu einer Siedlungsgründung geführt. Diese sorgte für die Ausdehnung des Ortes nördlich der Halleschen Straße. Im zu Ende gehenden 2. Weltkrieg entstanden für Bombengeschädigte der Stadt Leipzig die sogenannten Behelfsheime Vis a Vis der Siedlungshäuser, die sich heute, durch Um- und Ausbauarbeiten, alle als schmucke Eigenheime präsentieren. In den Kriegsjahren 1944 / 45 durchlitt der Rangierbahnhof verheerende Luftangriffe. Die Güterwagen wurden geplündert. Der Bahnhof selbst und seine Umgebung glichen einer Mondlandschaft; ein Bombentrichter lag neben dem anderen. In deren Wasseransammlungen lernten viele Stahmelner Kinder nach dem Krieg das Schwimmen.

Am 18. April 1945 wurde Stahmeln durch US-amerikanische Truppen besetzt, die am 02. Juli durch die Rote Armee abgelöst wurden.

Nach Kriegsende wurde von den landwirtschaftlichen Anwesen nur noch das Rauersche Erbgut bewirtschaftet, welches durch die Ergebnisse der Bodenreform enteignet wurde.

Auch Stahmeln blieb vor dem Jahrhunderthochwasser Anfang Juli 1954 nicht verschont. Nach dem es eine Woche ununterbrochen geregnet hatte, standen die gesamte Aue, der Anger, die untere Mühlenstraße und Teile der Hauptstraße unter Wasser. Viele Keller wurden durch Grundwasser „geflutet“.

Nun kurz noch etwas zu nennenswerten Ereignissen der Nachwendezeit. Am 04. Oktober 1993 weihte die LVZ ihr neues Druckereigebäude ein. Es handelt sich hierbei um eine der modernsten Druckereien Europas. Außer der Leipziger Volkszeitung siedelten sich weitere gewerbliche bzw. dienstleistende Betriebe entlang der Druckereistraße an.

Am 01. Januar 1994 erfolgte der Zusammenschluss der Gemeinden Lützschena und Stahmeln. Am 01. Januar 1999 wurde die Eingemeindung zur Stadt Leipzig vollzogen.

Und hier bin ich am Ende unserer Zeitreise angekommen. Die Jahre, die sich daran anschließen, hat ja nun jeder auf seine eigene Art mit Beobachtungen und neuen Erkenntnissen der Ereignisse durchlebt..

Klaus Karstedt

(Der Verfasser, Klaus Karstedt, ist Rentner und befasst sich intensiv mit der Geschichte von Stahmeln. Der Beitrag entstand in eigener Verantwortung als Ergebnis seiner Recherchen. Der Autor hat sich zum Ziel gestellt, unter Mithilfe von interessierten Mitbürgern die ausführliche Chronik von Stahmeln zu schaffen. Er bittet die Leser um Hinweise und Meinungen zu seinem Artikel.)

Bilder vom Herimatverein:


Das Rittergut Wahren besaß im 16. Jahrhundert die Gerichtsbarkeit über Wahren, Großwiederitzsch, Hayna, Kleinwiederitzsch, Lindenthal und Stahmeln.

Die Gerichtsbarkeit des Ritterguts wurde am 14. Juli 1851 dem Kreisamt Leipzig übertragen.


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