Lützschena und Stahmeln müssen ihre Identität bewahren

Der Auenkurier hat auch am Ende des Jahres 2000 den Ortsvorsteher Detlef Bäsler zur Bilanz in der unsere Ortschaft betreffenden Kommunalpolitik und zu den Aufgaben, die er für die weitere Entwicklung des Leipziger Stadtteils Lützschena-Stahmeln sieht, befragt.

Auenkurier: Unser traditionelles Gespräch am Jahresende, das wie immer unter der Überschrift "Bilanz und Ausblick der Ortschaft Lützschena-Stahmeln" geführt wird, wird diesmal von schmerzlichen Entscheidungen überschattet. Was bewegt Sie, wenn Sie am Jahresende über die Situation der Ortschaft nachdenken?

Detlef Bäsler: Ich will damit beginnen, dass dieses Interview an einem Jahresende mein letztes als Ortsvorsteher sein wird. Im Juli 2001 wird der Amtsinhaber neu gewählt. Dann endet meine zehnjährige Amtszeit als Bürgermeister und als Ortsvorsteher. Für eine Wiederwahl stehe ich nicht zur Verfügung. Die zehn Jahre aktive Kommunalpolitik sind für mich ein wichtiger Lebensabschnitt, in dem ich viel gelernt und für meine Persönlichkeitsentwicklung gewonnen habe. Ich möchte ihn nicht missen. Die in diesem Zeitraum für die Bürger von Lützschena und Stahmeln erreichten Ergebnisse in der gesellschaftlichen Entwicklung der Ortschaft, an denen ich maßgeblich mitwirken durfte, erfüllen mich mit Stolz.

Nach der Amtsabgabe beabsichtigte ich, mich stärker in den örtlichen Vereine zu engagieren und auf diese Weise mit dem öffentlichen Leben in der Ortschaft verbunden zu bleiben. Der Wählervereinigung "Bürgerinitiative 1990", deren Mitglied ich bin, werde ich natürlich weiterhin angehören.

A.K.: Wie hat sich nach Ihrer Meinung die nunmehr schon zwei Jahre währende Eingemeindung in die Stadt Leipzig für deren Ortsteile Lützschena und Stahmeln ausgewirkt?

D.B.: Zunächst bin ich froh darüber, dass von der früheren Gemeindevertretung angestoßene Projekte, trotz der Unkenrufe einiger Skeptiker, vor ihrer Realisierung stehen. Entgegen einer Vielzahl von Bedenkenträgern in der Stadtverwaltung, entwickelt sich das Baugebiet an der Schulstraße erfreulich positiv. Auch die kombinierte Kindertagesstätte in Stahmeln, deren Bau von der Gemeindevertretung beschlossen wurde und für die sie den finanziellen Grundstock sicherte, kann durch das gezielte Drängen des Ortschaftsrates im kommenden Jahr eröffnet werden.

Ich erinnere an diese Fakten, da ich die in letzter Zeit wiederholt gestartete Medienkampagne mit dem Versuch, alle Entscheidungen des bis Ende 1998 bestandenen Gemeinderates in Frage zu stellen, für wenig förderlich für die Interessen der Ortschaft halte. Außerdem ist die Berichterstattung bisweilen völlig ungerechtfertigt, die Tatsachen beweisen es.

A.K.: Welche Bedenken bewegen Sie noch immer?

Sicher hat die Eingemeindung der Stadt Leipzig Vorteile gebracht. Aber für unsere Ortschaft werden jetzt auch die entstandenen Probleme deutlicher sichtbar. Beispielsweise zeigt sich das bei Investitionen im Straßenbau, die faktisch für Lützschena und Stahmeln nicht mehr vorhanden sind. Die von der ehemaligen Gemeindevertretung vorgesehen und finanziell gesicherten Projekte bleiben vorerst in die Perspektivplanung verschoben.

Vor allem aber kann ich nur schwer die Gründe für die Schließung der "Außenstelle Lützschena" der Stadtverwaltung nachvollziehen. Immerhin weist die Ortschaft derzeit mit das größte Entwicklungspotential in Leipzig auf, ich denke dabei nicht nur an das Güterverkehrszentrum. Ich bin mir nicht sicher, ob die Einsparung von drei Planstellen der Stadt den gewünschten Effekt bringt. Es ist nur gut, dass der Ortschaft das Bürgeramt erhalten bleibt.

Die Schließung der Grundschule im Ortsteil Lützschena ist ein weiteres Beispiel für die sichtbar werdenden Nachteile.

Die Bürger der Ortschaft müssen auch wissen, daß Ende 2000 das ehemalige Ortsrecht erlischt. Ab 1. Januar erstreckt sich das Ortsrecht der Stadt Leipzig in allen seinen Teilen auf das gesamte Stadtgebiet und wird damit auch für die Einwohner von Lützschena und Stahmeln rechtskräftig. Es ändern sich damit folgende Satzungen, die von der ehemaligen Gemeindevertretung beschlossen wurden:

A.K.: Was müßte nach Ihrer Meinung an eingeleiteten gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen unbedingt fortgeführt werden?

D.B.: Zuerst nenne ich das Güterverkehrszentrum. Auch die Bevölkerung der Ortschaft zieht daraus Vorteile. Beispielsweise kann sich durch die weitere Ansiedlung von Firmen und die Weiterführung solcher Projekte, wie sie Porsche-Fahrzeugbau dort realisiert, die Situation auf dem Arbeitsmarkt verbessern.

Gepflegt und weiter rekonstruiert gehört der unter Landschaftsschutz stehende Schloßpark, das Kleinod des Leipziger Auwaldes, sowohl was den Baum- und Buschbestand, als auch die Wiederherstellung der Kunstwerke, die ihn bereichern und die vollständige Erschließung als Erholungsgebiet anbelangt. Mit Wolf-Dietrich Freiherr von Sternburg stimme ich darin völlig überein. Die Familie von Sternburg engagiert sich mit viel Verständnis außerordentlich stark für ihren Schloßpark und sorgt dafür, dass er Öffentlichkeit zugänglich bleibt.

Am Herzen liegt mir auch die perspektivisch wirksame Gestaltung im Ortskern, besonders durch die richtige Nutzung der gegenwärtigen Industriebrache Brauerei. Ich bin da optimistisch, weil derzeit die Voraussetzungen für ein Ende der entstandenen Stagnation für eine neue Zweckbestimmung günstig zu sein scheinen.

A.K.: Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Identität der Ortschaft?

D.B.: Ich möchte die Bürger auffordern, alles für die Erhaltung und Wahrung der Identität der Orte Lützschena und Stahmeln zu tun. Ihre Einverleibung in einen großen Stadtkörper birgt dafür Gefahren in sich. Schließlich haben wir gemeinsame Interessen, nämlich die Attraktivität der Ortschaft und die hohe Wohnqualität, die sie auszeichnet, weiter fortzuführen. Dazu gehört auch der notwendige Gemeinschaftssinn bei allen Einwohnern. Es sind Initiativen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens erforderlich. Mit den von mir vorgesehenen Gesprächen mit ortsansässigen Unternehmern will ich versuchen, eine Lobby zu schaffen, die sich für die Belange unserer Ortschaft stark macht. Wichtig scheint mir auch, daß die örtlichen Vereine, ich denke da beispielsweise an die Heimat-, Bismarckturm- und Sportvereine, sowie Siedler- und Kleingartenvereine mit ihren Potenzen und durch die Gewinnnung neuer Mitglieder und eine rege, ortsbezogene Tätigkeit, den Identitätsgedanken mit allen ihren Möglichkeiten fördern.

Aus Verbundenheit, ja Liebe zu unserer Ortschaft Lützschena-Stahmeln müssen wir gemeinsam und nach besten Kräften wirksam werden, wenn wir die Identität der Ortschaft erhalten wollen.

A.K.: Herr Ortsvorsteher Bäsler, vielen Dank für das Gespräch und Ihnen alle guten Wünsche für Ihre weitere Arbeit, ganz gleich, wo Sie sich künftig engagieren werden.

Das Gespräch führte Gottfried Kormann

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