Ein bißchen Staunen darf ruhig bleiben

Peter Möckel *1925 - †2009 aus Lützschena gilt in Wissenschaftlerkreisen als zweiter Manfred von Ardenne

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75 Jahre und noch lange keine Lust zum Aufhören: Peter Möckel aus Lützschena gilt in Wissenschafterkreisen als zweiter Manfred von ArdenneEr ist ständig auf der Suche nach Neuem, hat sein ganzes Leben experimentiert. Zu DDR-Zeiten galt er in Chemikerkreisen als absoluter Exot. Noch heute führt er die einzige private parauniversitäre Einrichtung Deutschlands und in Wissenschaftlerkreisen gilt er als zweiter Manfred von Ardenne: Peter Möckel aus Lützschena-Stahmeln. Die "Kleine" hatte kurz vor seinem 75. Geburtstag Gelegenheit, sich mit einer der schillerndsten Persönlichkeiten der Naturwissenschaft in Deutschland zu unterhalten.

"Geboren wurde ich ja in Hamburg, erzählt der Wahl-Lützschenaer Peter Möckel, der seit seiner frühesten Kindheit einen schier unbändigen Drang zum Experimentieren hat. Über Berlin sei er dann 1936 zu seinen Großeltern nach Leipzig gekommen, wo er auch den Krieg erlebte. Hier habe er 1946, als die Leipziger Universität wieder aufmachte, als Gasthörer Biologie-Vorlesungen besucht.

Stipendium? "So was gab es damals nicht, ich mußte mir das Geld selbst besorgen", erinnert sich Möckel, der bereits als Kind Raketen aus verheizten Korkwänden baute, da es die dafür erforderliche Kohle nicht gab. Die eigentliche Währung seien damals amerikanische Zigaretten und Schnaps gewesen. Den Grundstock für die Finanzierung seines Studiums legte er mit der Destillation von 300 Litern mit Pyridin und Tieröl vergälltem Alkohol aus Wehrmachtsbeständen in einer alten Fleischerei. Zudem preßte er mit einer Eigenkonstruktion in einer eigenen kleinen Ölmühle Raps, wofür Peter Möckel dann Zucker und Fleisch eintauschte. Aus Bohnerwachs entstanden Kerzen, die Dochte wurden aus alten Uniformen gedreht. "Auf der Suche nach Grundstoffen für künstlichen Süßstoff für die Speiseeisproduktion, die mich in diverse Apotheken führte, habe ich dann meine erste Mitarbeiterin und spätere Ehefrau kennen gelernt", erzählt der sympathische Mann.

Hobby war immer Chemie

"Mein Hobby war eben immer die Chemie", so Möckel, der in der Linnéstraße nur Vorlesungen seiner Wahl belegte - unmittelbar neben dem Gebäude, wo Werner Heisenberg einst seine Neutronenabsorptionsexperimente in einem großen Fischbecken durchführte. "Nur als Gasthörer besaß ich diese Unabhängigkeit", erzählt er weiter. Dies ging so lange gut, bis "Blauhemden" ihn deswegen anschwärzten.

In den nächsten Jahren gelang es ihm, durch das Wechselverhältnis zwischen Zufällen und Notwendigkeit, einen fließenden Übergang von Studium und Forschung zu schaffen: "Das konnte man auch unter Ulbricht machen, aber damit als Privatmann Geld zu verdienen war eigentlich unmöglich". Der leidenschaftliche Synthesechemiker baute in einer alten Selterswasserfabrik sein erstes Institut auf, dessen größtes Standbein zunächst Laborchemikalien in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit waren.

"Produzieren durfte ich eigentlich nicht. Deshalb hieß es eben offiziell, ich stelle Funktionsmuster her", blickt Möckel verschmitzt zurück und die hellen Augen blitzen unter seinen buschigen Augenbrauen. Einen Gewerbeschein habe man ihm aufschwatzen und ihn über Steuern von bis zu 90 Prozent gefügig machen wollen. Doch mit dem Vertrieb von Musterangeboten und später mit wissenschaftlichen Kooperationsverträgen mit staatlichen Betrieben konnte er sich eine Selbständigkeit und Unabhängigkeit bewahren. So habe er beispielsweise für das Kombinat Carl Zeiss Jena über 20 Jahre lang Laserfarbstoffe, markierte Verbindungen, pyroelektrische Kristalle und thermochrome Verbindungen hergestellt.

Auch für Buna und Leuna war Peter Möckel, der sich selbst als "Mathe-Null" bezeichnet, ein interessanter Mann, da er extrem praxisbezogen arbeitete und sich mit großem interdisziplinärem Verständnis als "Lückenspringer" einen Namen machte. Für die land- und forstwirtschaftliche Akademie forschte er zudem fünf Jahre über das Waldsterben. Aus steuertechnischen Gründen habe er sich dann der Schönert GmbH angeschlossen, aus der 1972 der VEB Spezialchemie Leipzig hervorging. Hier entstanden unter seiner Federführung beispielsweise Fluoreszenzfarbstoffe für ein Konzentrat zur Straßenbegrenzungsmarkierung, Spezialplasten, selbstentwickelter Toner für Kopierer, Kunststoffe für Zahnprothesen und vor Korrosion schützende Folien.

Kleines Labor bewahrt

Bei der Verstaatlichung bewahrte sich Möckel ein kleines Labor. "Vorn stand eben ein Schild 'VEB Spezialchemie Leipzig' und hinten 'Laboratorium für organische Synthese, Möckel', wo ich mit meinem langjährigen Mitarbeiter Wolfgang Weißflog sozusagen die Forschungsabteilung bildete", erzählt Möckel weiter, der 1975 an der Martin-Luther-Universität Halle extern promovierte. Peter Möckel: "Das Thema konnte ich mir damals selbst aussuchen, das von Professor Hermann Schubert nur noch abgesegnet wurde." Mit seinen halleschen Freunden arbeitete er auch eng bei der Erforschung von Flüssigkristallen zusammen, die - was kaum einer weiß - als Grundlage für LCD-Anzeigen in Uhren, Taschenrechnern und mittlerweile Fernsehern und Computern eigentlich von der DDR aus ihren Siegeszug um die Welt antraten. "Das Patent wurde damals an die Japaner verscherbelt, die allgemein als Erfinder dieser Anzeigen in ihrer Gesamtheit gelten", weiß Möckel.

Gebotene Freiräume genutzt

"Ich habe eben die kleinen Freiräume genutzt, die der Sozialismus bot", blickt der Lützschenaer zurück, der vor über 30 Jahren über eine Anzeige sein jetziges 10 000 Quadratmeter großes Grundstück mit über 200-jährigen Eichen und drei Gebäuden in der Elsteraue fand und von privat zu privat kaufte. "Von vielen wurde ich wegen der miserablen Baustoffsituation für verrückt erklärt", erinnert sich Möckel, während ihm ein Lächeln über das nun faltige Antlitz huscht.

Doch mit seinem feinen Gespür für praktikable Dinge setzte er auch hierbei seinen Kopf durch, obwohl er für den Kauf eigentlich eine Verzichtserklärung der Gemeinde benötigte. "Ich bin einfach ohne, aber mit der Gewißheit eingezogen, daß deutsche Beamte von ihrem Sessel aus entscheiden. Letztlich habe ich so alle erforderlichen Papiere erhalten", erinnert er sich spitzbübisch. Sonst wäre aus den Gebäuden sicher ein Altenheim oder ein Parteilokal geworden. Seine Devise, erst zu handeln und dann eventuelle Sanktionen abzuwarten, habe sich auch hierbei ausgezahlt.

In den großzügigen Gebäuden an der Elsteraue entstanden Labors, in denen übrigens jahrelang lebendige Affen spielen durften, und Unterkünfte für Studenten, die hier seit Jahren und noch immer Diplom- oder Promotionsarbeiten schreiben sowie die dafür notwendige Forschung betreiben. "Das ist eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit. Ich habe oft die Ideen, die Diplomanden versuchen, diese umzusetzen und bringen dabei ihre Erfahrungen mit Computern ein. Es ist eine ideale Ergänzung, wobei der Austausch eine wesentliche Rolle spielt." Und hier in der Elsteraue trafen sich denn auch alle großen Geister der Naturwissenschaften - sozusagen ein großer Schmelztiegel von Ideen, Vorstellungen und verschiedenen Ansichten.

Peter Möckel sucht bei seinen umfangreichen Forschungen gern 'in den Niederungen der Praxis'Und hier, in seiner jetzigen Heimat, engagierte sich Möckel auch außerhalb seines Labors: Als Amateurküster leiert er noch immer zweimal pro Woche die Gewichte der Turmuhr der Hainkirche hoch und läutet die Glocken, vor der Wende redete er dem damaligen Bürgermeister aus, den Bismarckturm sprengen zu lassen.

Auch nach 1989 hat sich für Möckel kaum etwas geändert. "Das Profil ist geblieben, nur die Kundschaft ist eine andere", sagt er. Der neue Mittelstand, der sich keine eigene Forschung leisten kann oder will, stehe in Sachen Auftragsforschung oder wissenschaftlich-technischer Zusammenarbeit Schlange.

Ich bin noch immer voller innovativer Gedanken, so der 75-jährige. Es lasse sich so viel mit einfachen Sachen machen, Forschung brauche nicht den heute oft üblichen Aufwand. "Leider gibt's solche Labor-Faktoten wie mich kaum noch", bedauert Möckel. Deswegen sei Forschung oft so teuer. Er suche viel lieber in den "Niederungen der Praxis". Derzeit befasse er sich vor allem mit Leichtkollektoren für Solarzellen sowie mit Biopolymeren und deren formgebender Verarbeitung.

Inspiration durch Mangel

Auf sein altes Zeiss-Mikroskop läßt der zu DDR-Zeiten als absoluter Exot geltende nichts kommen"Ich habe mich mit meinem Liberalismus durchgesetzt und Nischen gefunden. Verpaßten Möglichkeiten trauere ich nicht nach. Vor allem der Mangel zu DDR-Zeiten hat mich inspiriert, wodurch ich mir mein tief greifendes Wissen erwerben konnte. So lange man noch an etwas glaubt und Ideen hat, altert man nur körperlich. Und ein bißchen Staunen über diese wunderbare Natur darf ruhig bleiben", beschreibt Peter Möckel, der zweite Manfred von Ardenne, sein Lebensmotto.

Martin Pelzl, Kleine LVZ vom Dienstag, 29. Februar 2000, Seite 4

Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der LVZ

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